Müdigkeit: Chronische Erschöpfung treibt Betroffene zum Suizid
Wer viel um die Ohren hat, darf erschöpft sein. Wenn das allerdings zum Dauerzustand wird, ist Vorsicht geboten. Das Gefühl der Dauergrippe kann krankhaft sein.
Quelle: WELT ONLINE – Wissenschaft










Sehr geehrte Damen und Herren,
die ME:Myalgische Enzephalomyelitis (veraltert Chronic Fatigue Syndrome) ist eine erworbene neurologische Erkrankung mit vielschichtigen, umfassenden Dysfunktionen. Hervorstechende Merkmale sind eine pathologische Dysregulation des Nerven- und des Immunsystems sowie der endokrinen Systeme, verbunden mit gestörtem zellulären Energiestoffwechsel und gestörtem Ionenkanaltransport.
Sie ist nicht das Gleiche wie chronische Erschöpfung (Fatigue)
chronic fatigue (chronische Erschöpfung) >25-30% der Patienten in hausärztlicher Praxis berichten über Erschöpfung
Die Häufigkeit aufgrund ungleicher Patientenauswahl bei ME ist noch nicht endgültig geklärt, aktuelle Prävalenz wird mit 0,24% bis 0,42% angegeben (Jason et al.)
Es wird geschätzt, dass 300.000 Menschen in Deutschland an der Krankheit leiden. 70-80 Prozent der Patienten sind Frauen. Wir schätzen die Zahl erkrankter Kinder und Jugendlicher auf etwa 40.000, basierend auf Grund der Erfahrung anderer Länder. Vermutlich haben in Deutschland nur etwa 10% der Betroffenen eine richtige Diagnose.
Hauptmerkmal ist die pathologische Unfähigkeit, bei Bedarf genügend Energie zu produzieren, verbunden mit hervorstechenden Symptomen vorwiegend in neuroimmunologischen Bereichen.
Das Merkmal des Kern-Symptoms ist, dass bei körperlicher Anstrengung/Müdigkeit, eine normale Ruhe nicht wieder zur vollen Regeneration führt.
Darüber hinaus schildern Patienten verschiedene weitere Symptome wie z. B.:
Halsschmerzen, empfindliche Lymphknoten, Fieber (immunologische)
Gedächtnisstörungen, verminderte Konzentration (kognitive Störungen)
Blutdruck, Herzklopfen, Schwindel (vegetative Störungen)
visuelle und / oder Hörstörungen, Taubheitsgefühl, Kribbeln oder
Kribbeln in der Haut (Sensibilitätsstörungen)
Muskelschwäche (motorische Störungen)
Muskelschmerzen, Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen
Dazu kommen oft…
Schlafstörungen, Grippe oder Fiebergefühl, häufiges Wasserlassen, Reizdarm, Schwindel, Taubheitsgefühl, Übelkeit, Probleme mit Temperaturregelung, kalte Hände und Füße, Hitzewallungen, erhöhter Durst, Unverträglichkeit gegen bestimmte Nahrungsmittel oder Chemikalien, Überempfindlichkeit gegenüber sensorischen Input und mehr beschrieben.
Die Krankheit wird in vier Schweregrade unterteilt:
• Mild: ca. 50% der Aktivität reduziert
• Moderat: meist ans Haus gefesselt
• Schwer: meist bettlägerig
• Sehr schwer: bettlägerig und auf Hilfe angewiesen mit persönlicher Betreuung und Ernährung
CFS ist keine Form der Depression und viele Patienten mit CFS haben keine diagnostizierbare psychiatrische Erkrankung. Wie bei den meisten chronischen Krankheiten, etwa Multipler Sklerose und Lupus erythematodes, werden auch viele CFS-Patienten aufgrund der Auswirkungen der Erkrankung auf ihr Leben depressiv, aber die Mehrzahl der entsprechenden Studien kommt zu dem Schluss, dass die große Mehrheit der CFS-Patienten vor Beginn ihrer Erkrankung nicht unter einer Depression gelitten hatte.
Bei CFS liegt ein Zustand chronischer, leichter Immunaktivierung vor. Es gibt Belege über aktivierte T-Zellen, die Aktivierung von Genen, die eine Aktivierung des Immunsystems widerspiegeln und erhöhte Werte von bestimmten Substanzen des Immunsystems, die man als Zytokine bezeichnet. Sie haben die Funktion von chemischen Botenstoffen zwischen den Zellen.
Es gibt umfangreiche Belege für eine stark erniedrigte Funktion der natürlichen Killerzellen (NK), d.h. von weißen Blutzellen, die bei der Bekämpfung viraler Infektionen eine wichtige Rolle spielen. In verschiedenen Studien gibt es unterschiedliche Aussagen darüber, ob es bei CFS-Patienten eine erhöhte Anzahl von natürlichen Killerzellen gibt.
Bei CFS-Patienten findet man eine gestörte Genexpression bei den Genen, die für den Energiestoffwechsel wichtig sind. Die Energie wird aus bestimmten natürlichen Substanzen gewonnen, die in jeder Zelle mit Hilfe von Enzymen verarbeitet werden. Diese Enzyme werden von bestimmten Genen gesteuert. Andere Studien zur Genomik haben eine Beteiligung der Gene aufgedeckt, die mit der Aktivität der HPA-Achse zusammenhängen, mit dem sympathischen Nervensystem und der Immunfunktion.
Es gibt Belege für eine häufiger auftretende latente Aktivierung von Infektion mit verschiedenen Herpesviren und Enteroviren bei CFS-Patienten. Bei den Herpesviren handelt es sich um das Epstein-Barr-Virus, das HHV-6-Virus und das Cytomegalie-Virus. Andere infektiöse Agentien können ebenfalls CFS auslösen. Dazu gehören das Bakterium, das die Lyme- Borreliose verursacht, das Ross-River-Virus und das Q-Fieber.
Diese Erkenntnisse und weitere wichtige Forschungsergebnisse haben dazu geführt, dass das norwegische Direktorat für Gesundheit sich 2011 für die Art und Weise, in der ME-Patienten in Norwegen behandelt worden öffentlich entschuldigt hat.
“Ich denke, dass wir für Menschen mit ME zu einem großen Ausmaß nicht genug gesorgt haben. Ich denke, es ist richtig zu sagen, dass wir keine angemessene Gesundheitsversorgung für diese Menschen geschaffen haben, und ich bedaure, dass.“ (Bjørn Guldvog, stellvertretender Generaldirektor der norwegischen Direktion für Gesundheit )
Aktuell hat das norwegische Direktorat für Gesundheit die internationalen Diagnosekriterien zu ME anerkannt. ‘Myalgic Encephalomyelitis: International Consensus Criteria’[1] by Dr Bruce Carruthers et al was published online in the Journal of Internal Medicine in July 2011 – doi: 10.1111/j.1365-2796.2011.02428.x.
Dieser und vorherige Artikel zeigen, dass das weltweite Wissen zu ME noch immer nicht in Deutschland wahrgenommen wird. Es ist erschütternd, wenn ein Präsident des BDI und ein Psychiater der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) nur so unzureichend über die Erkrankung ME Kenntnis haben. Allerdings scheint dieser Artikel nicht neu recherchiert wurden zu sein. Hoffentlich werden künftige Berichte über das Krankheitsbild wissenschaftlicher ausfallen. Trotz der unwissenschaftlichen Berichterstattung sind wir Ihnen sehr dankbar, dass Sie über ME berichten. Es wird Zeit, dass in Deutschland eine sachliche Diskussion zu ME in Gang kommt.
Mit freundlichen Grüßen
Nicole Krüger
Lost Voices Stiftung